Kulturhistorische
Wanderung „Via-Spluga“
Im
August 2009
Zwölf Mitglieder der
Sektion Königsberg machten sich am 12. August auf, über den alten Verbindungsweg,
der bereits 1219 in alten Schriften Erwähnung fand, von Thusis/Schweiz bis
nach Chiavenna/Italien zu wandern. Dieser kulturhistorische Weg, mit einer
zweitausendjährigen Geschichte, hatte bis in das 19. Jahrhundert große
Bedeutung für den Warenaustausch zwischen Nord und Süd.
Am ersten Tag trifft
sich die Gruppe am Nachmittag im Hotel Weiss Kreuz in Thusis. Das sonnige
Wetter lädt noch zu einem Spaziergang zum Verlorenen Loch ein, im ersten Streckenabschnitt
der Viamala Schlucht.

Verlorenes
Loch Almwiesen
bei Rongellen
Eine nahezu senkrechte
Schlucht hat hier der Hinterrhein über viele Jahrtausende geformt. Der
Handelsweg verläuft weit oberhalb der Schlucht auf der Westseite an der auch
Rongellen liegt, ein Ort mit 50 Einwohnern, romanischen Ursprungs inmitten
grüner steiler Wiesen.
Alle stimmen meinen
Vorschlag zu, am nächsten Tag die Route Traversina, den längeren und auch beschwerlicheren
Weg, auf der Ostseite zu gehen.
Nahezu wolkenlos
präsentierte sich der Himmel am nächsten Morgen. Vom reichhaltigen Frühstück
gestärkt, wandern wir erst nordwärts durch den Ort, dann östlich über eine
Holzbrücke, die den Hinterrhein überspannt nach Sils und steil durch Wald
empor zur Burg Ehrenfels, heute als Jugendherberge genutzt. Wohl gut
dreihundert Meter über dem Grund der Schlucht verläuft der Wanderpfad.
Aussichtspunkte geben den Blick frei in die Tiefe, wo sich der Rhein durch
die senkrechten Felswände zwängt.

Brücke über den Traversina Tobel
Am Traversina Tobel
machen wir die erste Rast. Der Tobel wurde 2005 durch eine neue 57 m lange
Brücke überspannt, die an die Übergänge im Himalaja erinnert. Die alte, einer
der kühnsten Holzbrücken der Schweiz, wurde 1999 Opfer eines Steinschlages.
Nach einem Abstieg vereint sich der Traversinasteig mit dem Steig vom
Verlorenen Loch. Nochmals geht es im Wald aufwärts, bis der Steig an der
Straße und dem Kiosk endet, der Eingang zum imposantesten Teil der Viamala.
70 m tief, teils nur
3 m breit, hat der Rhein diese Klamm ausgewaschen. Viele Maler, Musiker und
andere Reisenden haben die Schönheit und auch das leichte Grauen beschrieben,
das man an dieser Stelle verspürt. Tief beeindruckt von der Macht der Natur
steigen wir nach der Besichtigung aus dieser tiefen Klamm zur Straße hinauf,
bis uns der Wanderpfad im Wald wieder aufnimmt.

Via
Mala Klamm
Punt da
Saransus, die Brücke aus Edelstahl und Andeer-Granit
Wir überqueren den
Hinterrhein und steigen ein kurzes Stück parallel zum Fluss bis zur Punt da
Saransus, einer Brücke die den Rhein überspannt. Diese Brücke aus
Edelstahlbändern mit Andeerer Granit belegt, besticht durch die konstruktive
Feinheit.
Nun geht es unter
der A13 hindurch über lange Serpentinen nochmals aufwärts bis wir den
Waldrand erreichen. Die Temperatur hat im Laufe des Tages stark zugenommen.
Keiner der Gruppe zeigt Ermüdungserscheinungen, doch alle sind
dankbar als wir den
Ortsrand von Reischen erreichen. Ein Brunnen mit kühlem klarem Wasser
erfrischt uns alle und entlockt wahre Freudenrufe. Reischen ist ein schönes
Dorf mit vielen Blumen an und vor den Häusern. Ein bemaltes Haus ist ein
Schmuckstück in der Ortsmitte.

Reischen
St. Martin Tafel
von der Holzdecke
Nicht weit ist Zillis
entfernt. Kaffee und Radler wecken wieder neue Kräfte, um das Museum und die
Kirche Sankt Martin mit seiner weltberühmten romanischen Bilderdecke zu besichtigen.
Als "ecclesia plebeia" wird die
Kirche erstmals 831 urkundlich erwähnt, ebenfalls der Ortsname Zillis als
"Ciranes". Ausgrabungen und Münzfunde bestätigen, dass die Kirche
schon zur Römerzeit bestanden hat. In der romanischen Epoche - anfangs des
12. Jahrhunderts - wurde dieser Bau völlig niedergelegt und neu aufgebaut. In
dieser Zeit,
um 1109 bis 1114 wurde die bemalte Decke geschaffen. Dieses Kunstwerk ist
weltweit das einzige Werk dieser Art, das nahezu vollständig und ohne
Übermalung erhalten geblieben ist. Die Kirchendecke besteht aus 153 quadratischen
Bildtafeln (9 Reihen à 17 Tafeln) von je ca. 90 cm Seitenlänge. Die meisten
sind aus Tannenholz und wurden zuerst mit einer dünnen Schicht Gips grundiert,
dann aufrecht bemalt und erst dann in die Decke eingesetzt. Die Decke besteht aus
48 Randfelder und 105 Innenfelder. Die Randfelder: seltsame Fabelwesen als
Sinnbild des Bösen sowie drei Szenen mit Schiffen aus der Darstellung der
Jonasgeschichte.
Leider bleibt uns zu
wenig Zeit dieses Kunstwerk genauer zu studieren, denn inzwischen ist der
späte Nachmittag angebrochen und wir müssen noch gut eine Stunde bis Andeer
gehen. Den sicherlich interessanteren, aber sehr sonnigen Weg
durch die alten
Dörfer Donat und Clugin meiden wir und gehen den kürzeren, meist im Schatten gelegenen
Waldlehrpfad am Hinterrhein entlang bis Andeer. Müde, aber glücklich von den
Eindrücken der langen Wanderung erreichen wir den Ort über eine prächtig
gedeckte Holzbrücke aus dem Jahr 1856.
Dann sind es nur noch
wenige Meter zum Hotel Post. Was für eine Erleichterung, die Bergstiefel
auszuziehen und welch Genuss, im Garten des Hotels den Durst mit einem Bier
oder Radler zu stillen. Zwei der Gruppe lassen sich die Gelegenheit nicht
entgehen, überwinden die Müdigkeit und erfrischen sich in dem herrlichen
Mineralbad am Ende des Ortes.
Der Himmel ist am
nächsten Morgen wieder wolkenlos. Noch ist die Luft kühl. Wir verlassen den
Ort nach Süden über die gepflasterte Straße, gesäumt von stattlichen Häusern,
vorbei am Steinmetz-Betrieb Conrad, in dem der harte Andeer-Granit bearbeitet
wird. Ein Wanderpfad leitet uns durch den Wald in die Höhe zu einer Besonderheit,
den Schalensteinen. Im glatten flachen Felsen sind runde Löcher mit einem
Durchmesser von 5 bis 10 cm zu sehen, die durch Rinnen verbunden sind. Sie
deuten möglicherweise auf frühgeschichtliche kultische Handlungen hin. Weiter
geht der Weg an einem 220KV Umspannwerk vorbei zur Anhöhe Sogn Steafan. Über
eine Steilstufe steigen wir zum Gasthaus Roflaschlucht an der Splügenpass-Straße
hinab.

In dem Gasthaus
befindet sich der Eingang zur Klamm mit einem Wasserfall. Diese Klamm ist mit
der Viamala in ihrer Einzigartigkeit vergleichbar.
Hier stürzt der
Hinterrhein über eine große Stufe in eine schmale Schlucht. Der Besucher kann
über einen Tunnel bis hinter den Wasserfall gehen. Gewaltig ist das Rauschen,
obwohl der Rhein wenig Wasser führt. Unvorstellbar wie es am 4. Oktober 1996
gewesen sein muss, als das Hochwasser nahezu zwei Meter über dem Besichtigungsweg
floss. Eine Hochwassermarke markiert die Höhe.
Zunächst am Rande
der Straßenkehren wandern wir aufwärts, um dann über eine Wendeltreppe auf
die Lawinengalerie der Autobahn zu kommen. Hier queren wir die A13. Auf
Fußgängerstegen folgen wir zunächst der alten Talstraße, um wieder auf den
Wanderweg zu kommen, der direkt in der Schlucht verläuft. Ein Platz unmittelbar
am Hinterrhein lädt zu einer ausgiebigen Rast ein.

Wanderer haben hier
auf den vielen Steinen im Fluss Steinmännchen errichtet. Wie ein Volk
versteinerter Fabelwesen stehen sie im Fluss. Wenige Minuten wandern wir am
Rhein entlang, als ein wilder Wespenschwarm die Wandergruppe
attackiert. Drei tragen
bei diesem Überfall schmerzhafte Stiche davon. Zum Glück zeigt keiner eine
allergische Reaktion, ich bin sehr erleichtert. Auch dieser Vorfall trübt die
gute Stimmung der Gruppe nicht. Bald sind wir an der Festung Crestawald. Bis
1995 war dieses einzige Bollwerk der Schweizer Armee gegen einen Angriff von
Süden in Betrieb. Heute ist es ein Museum. Kurz danach lichtet sich der
Rheinwald. Der Sufner See liegt vor uns, der Kirchturm von Sufers, eingehüllt
in ein Baugerüst, ist zu sehen.
Sufers ist das
älteste Dorf im Rheinwald. Bereits 831 in einem Güterverzeichnis erwähnt. Die
Kirche, wie alle Kirchen in den Dörfern, ist sehr schlicht. Im Dorf ein
willkommener Rastplatz an einer Hauswand, extra für die Via Spluga Wanderer
eingerichtet. Aus einem Kühlschrank, der in einem aufgeschnittenen Holzfass
steht, kann sich der Wanderer Getränke entnehmen. Die Bezahlung erfolgt auf
Vertrauensbasis. In eine kleine Kassette an der Wand ist der Geldbetrag für
die Getränke zu entrichten.

Auf dem
mittelalterlichen Saumweg gehen wir in Richtung Splügen. Die Nachmittagshitze
und das Auf und Ab des Weges prüft nochmals die Ausdauer der Gruppe.
An der Burg Splügen
nochmals eine Rast. Der Blick auf die Burg inmitten der grünen Matten mit den
Lärchen und auf das über 3000 m hohe Sufrettahorn ist die Entschädigung für
die Mühen des Tages. Von der Burg stehen nur noch die
Außenmauern, sie
soll im 13. Jahrhundert von den Freiherren von Vaz erbaut worden sein. Wieder
ist es später Nachmittag, als wir in Splügen (1457 m) ankommen.
Es gibt wohl nur wenige Siedlungen im
gesamten Alpenraum, die in so markanter und unverwechselbarer Weise vom
Passverkehr geprägt wurden. Dank großer Anstrengungen ist es in den vergangenen
Jahrzehnten gelungen, das alte Dorfbild Splügens in seiner früheren
Ausstrahlung zu erhalten. Es sind heute noch zwei typische Gesichter dieses Passdorfs
zu erkennen: die großzügigen, südländischen Palazzi in der Umgebung des
Sustenbachs und die Walserhäuser auf der Bsetzi, dem westlich des einstigen
Zentrums gelegenen Dorfteil mit seinen gepflasterten Gassen.

Das Hotel Bodenhaus,
in dem wir übernachten, ist ein altes, sorgfältig restauriertes Haus mit sehr
komfortablen Zimmern, Schwimmbad, Sonnenterasse und sehr gutem Essen. Das
Haus wurde 1722 als Unterkunft für Fuhrleute, Lasttiere und
Transportgüter
errichtet. Viele berühmte Persönlichkeiten wie Napoleon, Nietz- sche, Turner,
Röntgen und Albert Einstein, um einige zu nennen, wohnten hier. Wir genießen den
Komfort nach der langen Wanderung.
Wie am gestrigen
Tag, der Morgen mit tiefblauen Himmel und angenehmer Temperatur.. Heute ist
die längste Etappe der Wanderung zu bewältigen, der Aufstieg auf den Splügenpass
mit 2115 m und der Abstieg nach Isola. Erst geht es durch den Ort über den
Hinterrhein und im Lärchenwald auf eine Flurstraße. Bald treten wir aus dem
Wald heraus und folgen der Markierung. Sie war uns inzwischen vertraut geworden,
dieses Zeichen Via Spluga mit dem Saumpfadsymbol. Zweimal kreuzt der Weg die
Passstraße. Hier ist der alte Saumpfad noch gut erhalten.

Die Passhöhe ist
nicht mehr weit. Eine ausgiebige Pause mit einem Schluck Rotwein für den höchsten
Punkt unserer Tour stärkt uns für den langen Abstieg durch die Cardinello
Schlucht.
Im schnellen Tempo
laufen wir um den See. An der Staumauer beginnt der Abstieg in die Cardinello
Schlucht. Kaum vorstellbar wie die Säumer mit ihren schweren Lasten heil
durch die Schlucht gekommen sind, denn der Weg ist schmal und steil.

Vorsichtig steigen
wir über die steilen hohen Stufen in das tiefe Tal. Tief unten überspannt
eine Brücke den Fluss. Danach geht es ebener dahin bis zum alten Weiler
Soste, wo wir eine kurze Trinkpause einlegen. Die Sonne brennt erbarmungslos
am Nachmittag in die Schlucht. Bald erreichen wir das Sommerdorf Rasdeglia
mit alten Holzhäusern und einem kleinen Kirchlein.

Die Bauweise stammt
von den Walsern, die vor mehr als 700 Jahren den Rheinwald besiedelten. Über
eine Fahrstraße und bald wieder auf dem alten Saumpfad geht es nach
Mottaletta und Isola, dem Endpunkt des heutigen Tages. Alle sind froh, diese
anstrengende Etappe hinter sich gebracht zu haben. Im Hotel Magusto genießen
wir das italienische Essen dieser Region und den Rotwein.
Wie nicht anders zu
erwarten, am nächsten Morgen wieder strahlend blauer Himmel. Der lange
Abstieg nach Chiavenna mit über 1000 Höhenmetern und 20 km Wegstrecke muss heute
bewältigt werden. Ein Teil der Gruppe wird mit dem Taxi nach Chiavenna
fahren. So wandern wir nur noch zu sechst los. Die Markierung führt uns am
Stausee entlang und auf einen Pfad, der steil abwärts im Wald am Liro entlang
geht. In Campodolcino folgen wir dem Hinweisschild zum Museum Via Spluga.
Mozart Musik empfängt uns. Im Eingangsgeschoß eine schlichte barocke Kapelle,
die anderen Geschosse mit sehr interessanten Details über den
Handelsweg, der
bäuerlichen Kunst und dem Handwerk. Ein Museum in dem wir uns gern länger
aufgehalten hätten.

Der Weiterweg führt
uns zur Brücke Ponte Romano (erbaut 1692) und zurück auf die rechte Seite
des Liros. Cimaganda ist der nächste größere Ort.
Ein riesiger
Felssturz prägt hier das Tal. Wir überqueren wieder den Liro und folgen der
Straße durch den Ort. Am Ende des Ortes kein Via Spluga Hinweisschild. Wir
haben die Abzeigung übersehen. Die Frage ist, gehen wir in der Mittagshitze
zurück, oder folgen wir der Passstraße bis zum nächsten Ort? Wir entscheiden
uns für die Straße. Bald ist der Kirchplatz von Gallivagio, einem bedeutenden
Wallfahrtsort erreicht, aber wo ist die Brücke zur rechten Seite des Liro?
Ein freundlicher Italiener erklärt uns den Weg. Versteckt hinter einer Garage
zweigte der Weg von der Straße ab.
Mühsam ist das
letzte Wegstück bis Chiavenna. Die Temperatur nahe 30° C lässt den Schweiß
rinnen. Nach fünf erlebnisreichen Wandertagen kommen wir im Hotel San
Lorenzo in Chiavenna an. Die anderen, die den letzten Abschnitt nicht
mitgewandert sind, haben in der Zwischenzeit die sehenswerte Altstadt von Chiavenna
mit seinen Kirchen, Palazzi, Bürgerhäusern, der Festung, den vielen Geschäften
und vieles mehr besichtigt.

In San Giacomo mit
einer schön ausgemalten Barockkirche, der erste Blick auf Chiavenna und die
Granitberge des Bergells mit dem Piz Badile.
Viele Seiten könnte
ich noch füllen über unsere Eindrücke von der Wanderung auf dem historischen
Handelspfad. Es würde den Rahmen dieser Schilderung sprengen. Ich möchte die
Neugierde wecken für diesen Weg und für die Kultur am Wegesrand der Via
Spluga. Wir sind insgesamt 65 km gelaufen und haben dabei 2660 Hm aufwärts
3440 Hm abwärts bewältigt.
Mein Dank und meine
Anerkennung gelten der Wandergruppe, die mit Begeisterung und Ausdauer mit
mir von Thusis bis Chiavenna gegangen ist.
Kloster von San Lorenzo mit Kreuzgang
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